Historie 1922 – 1950 2017-01-10T20:05:54+00:00

Die Trommler- und Pfeifer im Jünglingsverein der Pfarre St. Sebastian mit ihrem Präses, Kaplan Lennartz, der die Widerstände der belgischen Besatzungsmacht überwand. Eines der ältesten Fotodokumente aus dem Jahre 1925

Zu einem Markenzeichen seiner Heimatstadt Würselen ist das Bundestambourkorps „Alte Kameraden“ in den verflossenen Jahren herangereift, auf die es voller Stolz zurückblicken kann. Mag dieser Zeitraum im großen Getriebe der Weltgeschichte nur eine kleine Spanne darstellen, im Leben des Einzelnen und einer Gemeinschaft sind diese Jahre doch mehr, oft sogar ein langer und beschwerlicher Weg. Nicht zuletzt gilt das für die zurückliegenden Jahre mit ihrer Kriegs- und Nachkriegsgeschichte. Diese von vielen Schicksalsschlägen geprägte und gezeichnete Zeit hat das Korps durchlebt und überlebt. In der Vereinsgeschichte der „Alten Kameraden“, in der mittlerweile die vierte Generation angebrochen ist, spiegelt sich in einem kleinen bescheidenen Maße ein Stück Historie der Stadt Würselen wider.

Wer heute auf die Zeit der Gründung des Korps zurückblickt, stellt fest, daß die „Alten Kameraden“ aus einem katholischen Jünglingsverein hervorgegangen sind. Um das zu verstehen, muß zunächst ein Blick auf die Arbeit der katholischen Jugendvereine in der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg geworfen werden.

In den damaligen katholischen Jünglingsverein der größeren und größten Pfarrgemeinden bestanden die verschiedenartigsten Abteilungen. Jede bot den Mitgliedern die Möglichkeit, ihren besonderen Interessen nachzugehen. Gesang- und Theaterabteilungen waren die ersten und ältesten. Gerade sie verbanden viele Jahre hindurch bei den Veranstaltungen durch ihre Leistungen die Vereinsgemeinschaft.

Etwa ab 1903 entwickelten sich Abteilungen für Wandern, Spiel und Sport. Literarische Abteilungen pflegten und förderten den qualitativen Aufstieg innerhalb der Theaterabteilungen. Bei kirchlichen und weltlichen Feiern zeichneten sich die Musikabteilungen durch ein ähnliches Streben aus. Im Wettschreiben erreichten die Stenographie-Abteilungen Leistungen, die selbst bei „zünftigen“ Kreisen Anerkennung fanden. In der katholischen Jugend hatte sich somit der Weg von der reinen Jugendpflege hin zur Jugendbewegung vollzogen. Dieser Weg der katholischen Jugendarbeit führte am 16. September 1926 in Würzburg zur Gründung der DJK im „Reichsbund deutscher Jugendkraft.“

Wie kein anderer Verein

Aus den Wander- und Sportabteilungen gingen die Trommler- und Pfeiferkorps hervor, die sich zunächst ihren Aufgaben im Rahmen der Vereinsarbeit widmeten. Das Trommler- und Pfeiferkorps „Alte Kameraden“ wuchs, schnell über diesen Aufgabenkreis hinaus. In der Eigenart dieser Spielgemeinschaft lag es begründet, durch ihre Betätigung in die Öffentlichkeit und damit in den Vordergrund zu treten. Denn an Einladungen zur Mitwirkung bei den verschiedenartigsten Aufzügen und Veranstaltungen fehlte es von der ersten Stunde an nicht. Es verfiel jedoch nicht aus lauter Selbstzweck der Abwanderung aus der Vereinsgemeinschaft, aus der es hervorgegangen war. Durch die guten Leistungen fand das Korps schon in wenigen Jahren allgemeine Anerkennung und Wertschätzung. Das ist bis auf den heutigen Tag so geblieben. Auch heute noch trifft die Aussage des ehemaligen Bürgermeisters Küppenbender zu, der in seinem Grußwort zum 30jährigen Jubiläum feststellte:

„Fast wie kein anderer Verein in Würselen erfreut sich das Trommler- und Pfeiferkorps Alte Kameraden der allgemeinen Wertschätzung in der Bügerschaft, die ihm bei jeder sich bietenden Gelegenheit bekundet wird.“

Die Gründung des Trommler- und Pfeiferkorps „Alte Kameraden“ erfolgte Mitte Mai 1922 auf Initiative und durch Förderung des damaligen Präses des Jünglingsvereins, Kaplan Lennartz. Unter dem langjährigen Korpsführer und Spielleiter Josef Hess widmeten sich zwölf Mitglieder mit allem Eifer der fachlichen Ausbildung. Größte Unterstützung fand dabei der noch junge Spielleiter und Korpsführer bei dem alten Kameraden und Fachmann Simon Jacobi.

Schon längere Zeit vor der Gründung des Korps aus dem Jünglingsverein bestand in Würselen ein Trommler- und Pfeiferkorps. Doch schon bald erkannten die Verantwortlichen des älteren Korps in dem jungen und sich erst entwickelnden Spielmannszug den rechten Nachwuchs. Aus dieser Erkenntnis heraus beschlossen sie, das alte Korps aufzulösen und seinen Schellenbaum der neuen Spielgemeinschaft zu übertragen. Ein feiner und vorbildlicher Schritt, der gerade in unseren Tagen höchstes Lob verdient.

An der Kaiserstraße 11

Durch das Verbot der belgischen Besatzer ließen sich die jungen Trommler und Pfeifer nicht entmutigen.

In den ersten Jahren nach Gründung war das junge Korps stark behindert durch das vollständige Verbot öffentlichen Auftretens, das die damalige Besatzungsbehörde angeordnet hatte. Die derzeitigen Präses Kaplan Lennartz und Kaplan Gertges überwanden nacheinander die ständig auftretenden Schwierigkeiten. Sie erreichten, daß wenigstens in geschlossenen Räumen Proben abgehalten werden durften. Bei dem Gastwirt Josef Grafen, Kaiserstraße 11, fand das Korps freudige Aufnahme. In seinen Räumen waren die „Alten Kameraden“ viele Jahre beheimatet.

Selbst in der Verbotszeit wußte man sich bei den „Alten Kameraden“ zu helfen. Sie nutzten die guten Beziehungen zu den katholischen Jugendvereinen im benachbarten Holland aus. In Bleyerheide, Heerlen, Sittard, Valkenburg und Eygelshoven vertrat das Korps die Farben der Stadt und errang höchste Preise. Bei einem Wettstreit in Venlo unterstrich es den Stand der Leistungsfähigkeit. Es kehrte mit dem zweiten Preis für die beste Haltung im Festzug, dem ersten Preis für den Korpsführer, dem zweiten und dritten Preis im Tambour-Solo sowie noch mit 95 Gulden als Anerkennung für die weiteste Herkunft heim.

Einen der ersten großen Erfolge errangen die Spielleute im Jahre 1927, als sie mit dem Titel „Reichsmeister“ in ihre Heimatstadt zurückkehrten.

Einen der ersten öffentlichen Auftritte auf deutschem Boden hatte das junge Korps in Düren. Darüber berichtet der Gründerpräses in einem Beitrag zur Festschrift anläßlich des 30jährigen Bestehens:
„Als nun zwei Jahre darauf die Dürener Marianische Jünglings-Kongregation vom 7. bis 15. Juli 1924 ihr silbernes Jubiläum fereierte, wurde bei der französischen Besatzungsbehörde erreicht, daß die jungen Leute (zum ersten Male nach Kriegsende in Düren) unter Vorantritt eines deutschen Trommler- und Pfeiferkorps vom katholischen Arbeiterhospiz aus zur Annakirche marschieren durften. Dieses schneidige Korps war unser Würselener Korps, das damals etwa 20 Mitglieder zählte unter der Stabführung vom Josef Hess. Es hat sowohl auf die Dürener als auch auf unseren unvergeßlichen hochw. Herrn Generalpräses Monsignore Mosterts, Düsseldorf, einen hervorragenden Eindruck gemacht, das sämtliche jungen Leute in ihrer schmucken Tracht am Tische des Herrn erschienen.“

Reichsmeister und erste Preise

Übergabe des ersten Schellenbaumes am Jugendheim von St. Sebastian im Jahre 1929.

In seinem vollen Streben konnte sich das Korps erst nach Abzug der Besatzungsbehörde frei entfalten. Geradezu sprunghaft waren die „Alten Kameraden“ aus Würselen im Jahre 1925 bei der großen „Rheinland-Befreiungsfeier“ in Eschweiler mit von der Partie. Im Jahre 1927 errang das Korps auf dem zweiten Reichstreffen der DJK in Köln unter Beteiligung von mehr als 60 Korps die Reichsmeisterschaft im Gesamtspiel und die ersten Preise im Solospiel. Als Tambour und Flötist wurden Willi Becks und Gottfried Schüller mit dem Ehrenpreis ausgezeichnet. Auch beim dritten Reichstreffen der DJK stellte sich das Würselener Korps in Dortmund der starken Konkurrenz. Diesmal sicherte es sich den ersten Ehrenpreis in der A-Klasse, eine wertvolle Plakette mit dem Bild des im Jahre 1926 verstorbenen Gründers der DJK, Generalpräses Mosterts.

Als vom Jahre 1933 die Nazi-Regierung sehr bald den Anspruch „auf den ganzen Menschen“ erhob, mußte auch der katholische Jünglingsverein von St. Sebastian sich den daraus ergebenden Zwangsmaßnahmen unterwerfen. Um der ständig drohenden und der schließlich angekündigten Auflösung und der in diesen Fällen üblichen Enteignung des gesamten Inventars zu entgehen, übertrug der damalige Kaplan Lüpschen gerade noch rechtzeitig das Vereinseigentum den einzelnen Spielern des Korps. Um wenigstens noch eine gewisse Selbstständigkeit bewahren zu können, zogen die Verantwortlichen den Anschluß an den damaligen „Stahlhelm-Bund“ vor. Nach Auflösung dieses Bundes ergab sich dann eine günstige Möglichkeit zur Gründung eines selbständigen Trommler- und Pfeiferkorps. Die Eintragung erfolgte unter dem Namen Trommler- und Pfeiferkorps Alte Kameraden 1922 Würselen.

Es folgten fünf Jahre mannigfaltiger Betätigung. Die Möglichkeit, in einem Wettstreit durch errungene Preise Lob und Anerkennung zu ernten, bot sich jedoch nicht mehr. Aus echter Kameradschaft und im Geiste der unvergessenen DJK-Zeit wurden die schwierigen Probleme trotz harter Bedingungen gemeistert.

Bei den Heimatwochen 1928 durfte das Korps mit seinem klingenden Spiel nicht fehlen.

Erstes klingendes Spiel nach dem Krieg

Auszug aus dem Protokoll zur Wiederbegründung des Trommler- und Pfeiferkorps „Alte Kameraden im April 1949

Die erste Folge des im Jahre 1939 beginnenden Zweiten Weltkrieges war die vollständige Unterbrechung der Vereinsarbeit. Der größte Teil der aktiven Mitglieder wurde nämlich zum Wehrdienst einberufen. Was blieb, war die ständige Pflege der Beziehungen zu den Kameraden und Hilfeleistung aller Art für die Familien.

Nach Kriegsende war zunächst nicht daran zu denken, das Korps wieder aufzubauen. Fast das gesamte Inventar war verlorengegangen oder vernichtet worden. Erst im März 1948 wurde der Beschluß des Wiederaufbaues gefaßt. Die alten Kameraden waren wieder zur Stelle: Gottfried Schüller übernahm den Vorsitz, als Korpsführer trat wieder Josef Hess an seinen Platz, Johann Leuchter wurde Schriftführer und Peter Dreschers übernahm die Kassenführung. Bereits am 14. August 1949 wurden 16 neue Kameraden in das Korps aufgenommen. Ein erfreulicher Neubeginn nicht nur die „Alten Kameraden“, sondern – wie sich später zeigen würde – für die ganze Stadt Würselen. Zuvor ließen das klingende Spiel in den Straßen erstmals nach dem Kriege die Mitglieder Josef Hess, Franz Kremer, Johann Leuchter und Josef Leuchter erschallen.

In Erscheinung traten die verjüngten „Alten Kameraden“ u.a. am 14. Mai 1950 bei der Gründungsfeier der Kolpingfamilie Würselen. Pfarrer Heinrich Lüpschen schenkte dem Korps bei der Morgenfeier die Plakette des Jahres 1932 zurück, die dieses dem ehemaligen Präses bei seinem Abschied von Würselen als Erinnerung überreicht hatte. In diese Plakette ließ Pfarrer Lüpschen den für diese Tage richtungsweisenden Spruch eingravieren: „1932 zur Ruhe gezwungen, 1950 war´s wieder gelungen. Die Wurzel schlug aus, gab uns neues Leben. Nicht warten – stets streben.“

Lang gewartet wurde auch weiterhin beim Trommler- und Pfeiferkorps nicht. Am 8. Juli 1950 beteiligte es sich an einem vom Spielmannszug Kohlscheid-Nord aus Anlaß des 40jährigen Bestehens veranstalteten Tambour-Solisten-Wettstreit. Die Leistungen fanden erneut höchste Anerkennung: ein dritter Preis in der Gesamtwertung, ein Ehrenpreis für die Korpsführung und acht Preise im Solistenwettstreit. Das langjährige Vorstandsmitglied Jean Leuchter wurde am 14. Oktober 1951 zum Ehrenmitglied ernannt. Zum 30jährigen Bestehen im Mai 1952 zählte das Korps bereits wieder 42 aktive und 217 inaktive Mitglieder.

Marscherleichterung ist angesagt: Die „Alten Kameraden“ bei einem auswärtigen Gastspiel in der Bergbaustadt Alsdorf Anfang der 50er Jahre.

Fototermin anläßlich des 30jährigen Bestehens: Korpsführer Hess (rechts) mit seiner solzen Truppe.